Miasmatik - Forschung

Syphilitisches Miasma

Prof. Dr. Bodo Spiethoff, Bilderfibel der angeborenen Syphilis. 1943

Hinweise auf wichtige Punkte in der Anamnese

Vorgeschichte in Hinsicht auf:

Eltern oder Großeltern: Gehirnschlag oder Lähmungen vor dem 50. bis 55. Lebensjahr, Herzerkrankungen, Geisteskrankheiten (Paralyse, Tabes) oder andere für Syphilis verdächtige Erkrankungen oder Vorkommnisse wie Früh-, Fehl- und Totgeburten, Frühsterblichkeit der Kinder im 1. und 2. Lebensjahr.
Blutuntersuchungen ("schlechtes Blut"), antisyphilitische Behandlung.

den zu Untersuchenden und seine Geschwister:

a) Geburtsgewicht unter 2500g und über 4500g.

b) Plazentagewicht mehr als ein Fünftel des Geburtsgewichtes.

c) Ausschlag bei oder kurz nach der Geburt

d) Laufen und Sprechen verspätet gelernt (Laufen nach 1 Jahr, Sprechen nach 1 1/4 Jahr)

e) Bettnässen über das 3. Lebensjahr hinaus

f) Sehr schlechte oder auffallend gut (seltener) Schulleistungen.

g) Zahnkrämpfe, Anfälle (epileptiform oder choreatisch).

h) Lang dauernde Augenentzündung, oft mit vorübergehender Blindheit.

i) Plötzlich (in wenigen Wochen) sich entwickelnde Schwerhörigkeit (Innenohrschwerhörigkeit).

k) Erkrankung der Kniegelenke (meist nicht sehr schmerzhaft).

l) Schmerzhafte Verdickung an den langen Röhrenknochen, namentlich an der Tibia (Periostitis).

m) Eventuell Fehl-, Früh-, Totgeburten, Frühsterblichkeit der Kinder im 1. und 2. Lebensjahr.

Symptome der angeborenen Syphilis

1. Virulente Symptome:

a) Augen: Reste von Keratitis parenchymatosa oder Chorioretinitis pigmentosa

b) Ohren: Innenohrschwerhörigkeit (mit Labyrinthstörungen).

c) Kniegelenkschwellungen, meist doppelseitig, wenig schmerzhaft.

d) Knochenveränderungen: Periostitis und Osteochondritis (beim Kleinkind im 1. Lebensjahr röntgenologisch nachweisbar); Säbelscheidentibia oder höckerige Schienbeinkanten; vorspringende Tubera frontalia oder olympische Stirn, Sattelnase; Klavikelsymptom-Verbreiterung eines oder beider medialer Klavikelenden (Zeichen von Higoumenakis)

e) Typische Zahnveränderungen: Hutchinson-Zahn, Kronenatrophie der ersten Molarzähne (Fournier-Mozer).

2. Dystrophische Zeichen

Weniger spezifische Zahnanomalien: Völlige Destruktion des Gebisses (oft auch schon des Milchgebisses); Diastema und Mikrodontie der Schneidezähne, Konvergenz oder Divergenz und abgerundete Ecken der oberen medialen Schneidezähne; Schmelzhypoplasien (transversale Furchen, Erosionen usw.); Stellungsanomalien; Klaviertastenzähne.

b) Finger: Überstreckbarkeit der Fingergelenke; Tennisschlägerdaumen; Asymmetrie der Finger. Kleinfingerzeichen, das in einer Verkürzung des Metacarpus oder eines der Glieder des V. Fingers bedingt sein soll. Du Bois hat unter 11 Fällen, die er als konnatal syphilitisch ansah, 9 mal dieses Zeichen festgestellt, und zwar 4 mal bei sicher konnatal Syphilitischen, 5 mal bei wahrscheinlich konnataler Syphilis in der zweiten Generation. Nach neueren Untersuchungen, die ich durch meine Mitarbeiterin ... an einem großen Durchschnittsmaterial durchführen ließ - 1000 Schuljungen im Alter von 13 bis 15 Jahren - müssen wir für das Kleinfingerzeichen, wenn es auf Verkürzung eines der Glieder des V. Fingers beruht, eine Bedeutung als verdächtiges Zeichen für eine angeborene Syphilis ablehnen. Ist das Kleinfingerzeichen eine Folge der Verkürzung des Metacarpus V, so müssen wir seine Bedeutung von weiteren Untersuchungen abhängig machen, die sich wahrscheinlich zu einem praktisch brauchbaren Ergebnis verdichten. Da dieses Symptom verhältnismäßig selten vorkommt, empfiehlt sich, bei der heutigen Sachlage dem Zeichen unter allen Umständen näher nachzugehen. Es empfiehlt sich, die Bezeichnung "Kleinfingersymptom" aufzugeben und dieses Zeichen bestimmter als Metacarpus-Symptom zu benennen.

c) Strabismus convergens (?)

d) Hoher, spitzer Gaumen mit engem Zahnbogen, im Gegensatz zur eckigen Begrenzung bei Rachitis

e) Lingua scrotalis (?)

f) Körperliche, geistige und moralische Minderwertigkeiten (Unterwüchsigkeit, Schwererziehbarkeit, verschiedene Grade des Schwachsinns)

g) Infantilismus (Kryptorchismus und mangelhafter Testikeldeszensus beim Knaben, verspätete Menarche und Genitalhypoplasie beim Mädchen)

Erläuterung der Fournier- und Hutchinson-Zähne

Als Fournier- oder Mozer-Zahn bezeichnet man charakteristische Veränderungen am ersten bleibenden Molaren (erster Backenzahn), die für die angeborene Syphilis nicht nur charakteristisch, sondern spezifisch sind.

Der erste Molare ist der fötal älteste im 6. Fötalmonat angelegte Zahn und steht deshalb am frühesten unter dem Einfluß der Syphilis. Die Veränderungen betreffen einen, mehrere, auch alle ersten Molaren und kennzeichnen sich so:

1. der Zahn verschmälert sich von der Basis nach der Krone;

2. die Knospen unterliegen einer Atrophie, die zu einem vollständigen Schwund der Knospen und einer wie abgemahlen erscheinenden, etwas höckrigen oder glatten Kaufläche führen kann, die einen leicht gelblichen Farbton hat;

3. an dem Umfang des Zahnes unweit der atrophischen Krone ist eine bald wenig, bald sehr gut ausgebildete, einen Teil oder den ganzen Umfang einnehmende Rinne, die wie mit einer Stahlfeder gezogen scheint,

Da der erste Molare der älteste angelegte Zahn und in dem dystrophischen Zustand wenig widerstandsfähig ist, verfällt er leicht in Karies. Die Folge davon ist, daß die charakteristischen Veränderungen oft bis zur Unkenntlichkeit verwischt sind oder der Zahn fehlt.

Beim Hutchinson-Zahn der Schneidezähne unterscheidet man drei Arten:

1. die Tonnenform mit tonnenartig geschweiften Seitenflächen an den oberen Schneidezähnen;

2. den Schraubenzieherzahn an den oberen Schneidezähnen mit nach unten konvergierenden Seitenflächen, so daß die Schneidefläche nach Form eines Schraubenziehers kürzer ist, als die Basis des Zahnes;

3. die halbmondartige Exkavation (Aushöhlung) der Schneidefläche, oft in Verbindung mit der Tonnen- oder Schraubenzieherform.

Dem Hutchinson-Zahn begegnet man häufiger als dem Fournier-Zahn: erstens, weil sich der erste bleibende Molare schon im 6. Fötalmonat anlegt, also schon von dieser Zeit an, d.h. viel früher als der Hutchinson-Zahn der Infektion ausgesetzt ist, zweitens, weil eine schwer infizierte Frucht im Fötalzustand und Säuglingsalter, also vor dem Durchbruch des ersten bleibenden Molaren zu einem großen Teil abstirbt, drittens, weil der erste Molare der Karies viel häufiger und früher verfällt als die Schneidezähne.

Diesen drei Umständen beim Molaren stehen bei den bleibenden Schneidezähnen gegenüber, daß sie sich erst gegen Ende des 2. Lebensjahres anlegen, also zu einer Zeit, wo die Sterblichkeit infolge abgeschwächter Infektion geringer geworden ist, und die Karies diese Zähne nicht so früh befällt wie die Molaren.

Bedeutung der Röntgenaufnahmen für die Frühdiagnose der angeborenen Syphilis

Die Röntgenaufnahme gewinnt immer mehr an Bedeutung, sie kommt besonders in den vielen Fällen in Betracht, wo die Serumreaktion negativ ist, aber von seiten der Eltern oder des Kindes selbst der Verdacht auf Syphilis des letzteren besteht. In Frage kommt die Aufnahme der Knorpel-Knochengrenzen de langen Röhrenknochen (Periostitis) im 1. Lebensjahr, der ersten bleibenden Molaren vor ihrem Durchbruch im 5. bis 8. Lebensjahr; Aufnahme erfolgt wohl am besten mit 4 Jahren; der oberen mittleren bleibenden Schneidezähne vom 2. Lebensjahr an bis zu ihrem Durchbruch im 6. bis 9. Lebensjahr. Auch die Feststellung einer fehlenden Zahnanlage (Agenesie) ist für die Diagnose einer angeborenen Syphilis bedeutungsvoll.

Quelle: Prof. Dr. Bodo Spiethoff, Bilderfibel der angeborenen Syphilis. Der syphilitisch geborene Mensch. Leipzig, 1943

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